Warum ein Strand für Blinde durchaus sinnvoll sein kann, erklärt Melanie Wölver im bfb-Interview. Denn in einem unserer letzten „ bfb unterwegs “ hatten wir über einen speziellen Strand für sehbehinderte Menschen berichtet - ohne genau zu wissen, was dahinter steckt.
Der
Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e. V.
(BSVH) engagiert sich für eine umfassende Barrierefreiheit und betreibt das AURA-Hotel Timmendorfer Strand. Die Pressesprecherin gibt nun Einblicke in die Besonderheiten des Badebereichs am Timmendorfer Strand.
Im Gespräch ging es um die einzigartigen Merkmale sowohl des Hotelangebots als auch des dazugehörigen Strandabschnitts, der speziell auf die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Gäste abgestimmt ist. Wie lässt sich diese gezielte Gestaltung mit dem Prinzip einer barrierefrei gestalteten Umgebung für alle vereinbaren?
bfb | Zum AURA-Hotel gehört ein eigener Strandabschnitt speziell für Blinde und Sehbehinderte Menschen. Was ist das Besondere an diesem Strand – und Ihrem Hotel?
Das AURA-Hotel ist kein gewöhnliches Hotel. Es ist speziell auf blinde und sehbehinderte Gäste ausgerichtet. Deshalb bietet das Haus neben den üblichen Standards eines Hotels zusätzliche Serviceleistungen an. Dazu gehört ein eigener Strandabschnitt.
Ein Holzsteg führt an diesem als Orientierungshilfe über den Strand und erleichtert blinden und sehbehinderten Gästen den Weg zum Meer. Da der Strandabschnitt ausschließlich den Gästen des AURA-Hotels vorbehalten ist, bleibt dieser Bereich übersichtlich und verlässlich nutzbar. Anders als an öffentlichen Stränden müssen die Gäste nicht befürchten, dass sich Menschen auf den Orientierungswegen niederlassen oder diese unbeabsichtigt versperren. Das schafft Sicherheit und ermöglicht eine selbstständigere Nutzung des Strandes.
Das Hotel selbst ist konsequent auf die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Menschen ausgerichtet: Braille- und Großschriftbeschriftungen im gesamten Haus, kontrastreiche Gestaltung, ausgeleuchtete Wege sowie eine barrierefreie Umgebung erleichtern die Orientierung. Im Restaurant gibt es auf Wunsch Tisch- und Buffetassistenz.
Zur Ausstattung gehören außerdem eine Bibliothek mit Hörbüchern und Bildschirmlesegeräten, Daisy-Player auf den Zimmern, ein Medienraum mit Hörfilmen sowie speziell angepasste Gesellschaftsspiele. Ergänzt wird das Angebot durch ein abwechslungsreiches Freizeit- und Ausflugsprogramm mit Begleitpersonen, sodass die Gäste die Ostseeküste und die Umgebung entspannt und selbstständig erleben können.
bfb | Steht dieser Ansatz nicht im Widerspruch zu einer barrierefrei gestalteten Umgebung für alle?
Blinde und sehbehinderte Menschen möchten wie sehende Menschen auch im Urlaub nicht auf Komfort verzichten. Weil die Orientierung in einem fremden Haus jedoch schwierig ist und ein Frühstücksbüffet eine Herausforderung darstellt, kann ein Hotelaufenthalt Stress für die Gäste bedeuten. In einem Haus wie dem AURA-Hotel wird diesen speziellen Bedürfnissen Rechnung getragen. Hier gibt es Begleitpersonal für Ausflüge oder Strandspaziergänge, Servicemitarbeiter, die die Speisekarte vorlesen, eine kontrastreiche Gestaltung für die Orientierung sehbehinderter Gäste oder einen Shuttleservice, der die Anreise erleichtert.
Grundsätzlich wäre es wünschenswert, wenn Hotels allgemein so gestaltet und ausgestattet wären, dass Menschen mit Behinderung ihren Urlaub möglichst selbstständig und ohne besondere Unterstützung verbringen können. Davon sind viele Betriebe jedoch noch weit entfernt. Spezialisierte Häuser wie das AURA-Hotel schließen diese Lücke, indem sie ein Umfeld schaffen, das auf die Bedürfnisse blinder und sehbehinderter Gäste abgestimmt ist und ihnen einen entspannten und selbstbestimmten Urlaub ermöglicht.
bfb | Eine bestimmte Anzahl an barrierefreien Hotelzimmern ist mittlerweile Pflicht. Meist stehen dabei die Anforderungen von Menschen mit motorischen Einschränkungen und Rollstuhlnutzende im Fokus. Das AURA-Hotel richtet sich dagegen insbesondere an Blinde und Sehbehinderte. Was würden Sie anderen Hotels raten, damit sich Menschen mit Seheinschränkungen bestmöglich zurechtfinden und wohlfühlen? Worauf kommt es an?
Zunächst einmal ist es wichtig, Barrierefreiheit nicht nur aus der Perspektive von Rollstuhlnutzenden zu betrachten. Für blinde und sehbehinderte Menschen spielen Orientierung, Zugänglichkeit von Informationen und ein sensibler Service eine ebenso große Rolle.
Schon mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen lässt sich viel erreichen. Dazu gehören eine kontrastreiche Gestaltung von Räumen, Türen, Treppen und Wegen sowie eine gute und blendfreie Beleuchtung. Klare Orientierungshilfen helfen Gästen, sich selbstständig im Gebäude zu bewegen. Beschilderungen sollten nicht nur gut lesbar sein, sondern möglichst auch in Brailleschrift und Großschrift angeboten werden. Auch Aufzüge, Zimmernummern oder wichtige Informationen im Hotel sollten entsprechend gekennzeichnet sein.
Ebenso wichtig ist die Haltung der Mitarbeitenden. Nicht jede blinde oder sehbehinderte Person benötigt Unterstützung, aber es sollte selbstverständlich sein, Hilfe anzubieten, wenn sie gewünscht wird. Das kann beispielsweise bedeuten, einen Gast zum Zimmer zu begleiten, die Speisekarte vorzulesen oder beim Frühstücksbuffet die angebotenen Speisen zu erläutern. Oft sind es gerade diese kleinen Serviceleistungen, die darüber entscheiden, ob sich ein Gast willkommen und gut aufgehoben fühlt.
Grundsätzlich gilt: Je intuitiver die Orientierung und je zugänglicher Informationen gestaltet sind, desto selbstständiger können blinde und sehbehinderte Menschen ihren Urlaub genießen. Das sollte das Ziel aller Hotels sein – denn Barrierefreiheit bedeutet letztlich mehr Komfort und Selbstständigkeit für alle Gäste.
