Barrierefreier Wohnraum: Ausnahme statt Regel | Ergebnisse Mikrozensus

Die Anzahl der Wohnungen, die darüber hinaus die noch höheren Standards der DIN 18040 erfüllen, sind verschwindend gering (Quelle: bfb-Trendstudie 2019, Ergänzung Mikrozensus 2018).

Nur 2 % aller Wohnungen und Einfamilienhäuser in Deutschland sind annähernd barrierefrei. Lediglich jedes zehnte Gebäude lässt sich stufenlos betreten und selbst bei den Neubauten der letzten drei Jahre wurde nur bei jedem Fünften weitgehend auf Barrieren verzichtet. Dies geht aus den vom Statistischen Bundesamt im Oktober bzw. Dezember 2019 veröffentlichten Daten des Mikrozensus-Zusatzprogramms „Wohnen“ hervor. Erstmals sind im Rahmen dieses Programms bundesweit Daten zu Barrieren beim Zugang zur Wohnung bzw. zu Barrieren innerhalb der Wohnung erhoben worden. „bfb barrierefrei bauen“ hat dieses Datenmaterial nun grafisch aufbereitet und als Ergänzung zur bestehenden „bfb barrierefrei Trendstudie“ hier veröffentlicht.

 

Je älter, desto weniger barrierefrei (Quelle: bfb-Trendstudie 2019, Ergänzung Mikrozensus 2018).

Die Ergebnisse bestätigen und untermauern bisherige Schätzungen, wonach der Bestand an barrierefreien Wohnungen bei Weitem nicht dem aktuellen und zukünftig rasant weiter steigenden Bedarf entspricht. Es fehlt an allen Ecken und Enden sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wohnungen. Neben Stufen und Schwellen führen auch unzureichende Bewegungsräume und Durchgangsbreiten zu Barrieren bei der Erschließung von Wohngebäuden. Innerhalb der Wohnung wurden folgende Kriterien als Merkmale für Barrierefreiheit angesetzt und abgefragt:

  • stufen- bzw. schwellenlose Erreichbarkeit aller Räume
  • ausreichend breite Wohnungs- und Raumtüren sowie Flure
  • genügend Raum in Küche und Bad
  • ebenerdigen Einstieg in die Dusche

85 % aller Seniorenhaushalte ohne stufenlosen Zugang

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass Alter oder Anzahl der Bewohner eines Haushalts keinen Einfluss auf den Grad der Barrierefreiheit haben. Im Umkehrschluss bedeutet das leider auch: Ältere Menschen wohnen eben gerade nicht in barrierefreien Wohnungen. Denn: Selbst bei Haushalten mit Senioren liegt der Anteil der Wohnungen, die die oben genannten „barrierefreien“ Kriterien erfüllen bei nur 3 %. Und dass 2018 rund 85 % aller Seniorenhaushalte keine stufenlos erreichbare Wohnung haben, erscheint in einem Land, in dem bereits heute mehr als jede fünfte Person zur Generation 65plus gehört nahezu grotesk.

Auch im Neubau herrscht Mangel an Barrierefreiheit

Jedes fünfte Gebäude, das zwischen 2011 und 2015 gebaut wurde, besitzt keinen ausreichend breiten Hausflur  (Quelle: bfb-Trendstudie 2019, Ergänzung Mikrozensus 2018).

Statt Anzahl oder Alter der Bewohner, nehmen Faktoren wie Baujahr oder monatliches Einkommen Einfluss auf die barrierefreie Ausführung. Je nach Baujahr des Gebäudes gibt es hier große Unterschiede. Nur 1 % der Wohnungen in Altbauten mit Baujahr vor 1948 sind nach den vorgenannten Kriterien annähernd barrierefrei, ab 2011 lag der Anteil dieser Wohnungen immerhin bei 18 %. 1991 stieg die Barrierefreiheit bei der Gebäudeerschließung sprungartig an und verbessert sich in den folgenden Jahren stetig. Trotzdem herrscht auch im Neubau immer noch Mangel. So sind über die Hälfte der Gebäude, die ab 2011 gebaut worden sind, nicht stufenlos zugänglich.

Mehr Geld, mehr Barrierefreiheit

Je höher das Einkommen, desto weniger Barrieren. Aber: Es treten dann mehr Barrieren in Form von Stufen oder Schwellen (Quelle: bfb-Trendstudie 2019, Ergänzung Mikrozensus 2018).

Neben dem Baujahr spielt auch das monatliche Einkommen eines Haushalts eine Rolle. Je höher das Einkommen, desto besser ist die barrierefreie Ausstattung der Wohnung. Insbesondere großzügig geschnittene Räume, die dadurch auch genug Platz für Rollstühle oder andere Gehhilfen bieten, kommen in Haushalten, denen monatlich mehr Geld zu Verfügung steht, naturgemäß eher vor. So verfügen Haushalte mit einem monatlichen Einkommen über 6.000 € doppelt so häufig über ausreichenden Bewegungsraum im Bad wie solche, deren Einkommen unter 900 € liegt. Andererseites bedeuten größere Wohnungen oder Einfamilienhauser oft auch mehrere Etagen – deren Erschließung über Treppen geht zu Lasten der Barrierefreiheit.

Großer Aufholbedarf + viel Potenzial

Ebenerdige Duschen – bisher fast nur in Eigentumswohnungen (Quelle: bfb-Trendstudie 2019, Ergänzung Mikrozensus 2018).

Die Ergebnisse zeigen, dass Bedarf und Angebot an barrierefreiem Wohnraum in Deutschland weit auseinander klaffen. Bei öffentlichen Gebäuden sieht es vermutlich nicht viel besser aus. Vor dem Hintergrund einer älter werdenden Gesellschaft sind diese Zahlen geradezu erschreckend.  Gleichzeitig offenbaren sie aber auch ein auch ein enormes Potenzial für die gesamte Baubranche. Denn auch in den kommenden Jahren wird die Nachfrage nach barrierefreiem Wohnraum weiter stark ansteigen.

 

Auswertung als PDF-Download:
Sie möchten die komplette Auswertung inkl. aller Grafiken zum barrierefreien Wohnungsbaubestand auf einen Blick? Hier gehts es zum Download im PDF-Format.

Hinweis: Die erhobenen Daten beruhen auf Selbsteinschätzungen der befragten Haushalte (ggf. mit Unterstützung der Erhebungsbeauftragen) und stellen keine exakten Messungen im Sinne der Baunormen dar. Sie geben damit auch keinen Aufschluss über die vorhandene Anzahl an barrierefreien sowie rollstuhlgerechten Wohnungen im Sinne der Normenreihe DIN 18040. Deren Anforderungen liegen insgesamt über den jetzt abgefragten Merkmalen.

bfb hat die Daten aus dem Mikrozensus-Zusatzprogramms „Wohnen“ aufbereitet und ergänzt damit die bestehende bfb-Trendstudie von 2019.


Noch mehr Hintergrundwissen und wichtige Brancheninformationen:
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Die Marktstudie liefert das nötige Hintergrundwissen und zeigt Herausforderungen und Chancen des barrierefreien, demografiefesten Bauen in Deutschland auf. Die Studie unterstützt sowohl bei der zielgerichteten Ansprache potenzieller Kunden als auch bei der strategischen Ausrichtung und zukünftigen Positionierung in diesem Wachstumsmarkt.

Autoren: Tanja Buß
Datenbasis: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2018 – Auswertung des Zusatzprogramms „Wohnen“