Barrierefreiheit in der Praxis umsetzen

Die Normenreihe DIN 18040 ist 2010 bzw. 2011 (Teil 1: öffentlich zugängliche Gebäude und Teil 2: Wohngebäude) erschienen und mittlerweile in allen Bundesländern [1] baurechtlich eingeführt. Zwar bestehen heute ausreichend Praxiserfahrungen zu Problemen und Lösungen bei der Umsetzung. Doch obwohl über die Jahre hinweg deutliche Verbesserungen festzustellen sind, werden noch immer wichtige Punkte missverstanden oder fehlinterpretiert. Ein dritter Teil der DIN 18040  zum öffentlichen Verkehrs- und Freiraum) ist bereits erschienen, aber baurechtlich bisher nur im Bundesland Thüringen eingeführt.

Planung: Beim Projekt Plus.Punkt Perlach hat der Bauträgers creareal abgestimmt mit TÜV SÜD die Toleranzen bei der Planung berücksichtigt und die Flure 152 bzw. 125 cm breit auslegen lassen. Weil gespachtelt wurde, war die Putzstärke nicht maßgebend. (Quelle: Hierl Architekten)

In der Planung bleibt vielfach unbeachtet, dass die DIN 18040 zumeist die Mindestmaße im fertigen (!) Zustand angibt. Viele Werkpläne (Vorbereitungsphase) setzen aber schon diese Mindestanforderungen an. Unbeachtet bleibt dann, dass sich die Vermaßung in den Plänen auf die Rohmaße der Wände, bezieht – also z. B. unverputzte Mauerwerkswände. Mit den erforderlichen Schichtdicken Spachtelung, Innenputz sowie Abdichtung und Fliesen (in Bädern) unterschreitet der Endzustand diese Mindestwerte zwangsläufig. Hinzu kommen die im Bauwesen zulässigen, üblichen, selten vermeidbaren und daher zu berücksichtigen Toleranzen. Mögliche Lösungen und Entscheidungen sind mitunter schwer zu finden bzw. immer im Einzelfall zu treffen. Rückbauten lassen sich dann nicht immer verhindern.

Bewegungsflächen berücksichtigen

Bewegungsfläche: Das normative Schutzziel einer barrierefreien Türbedienung für Rollstuhlnutzer gewährleisten 150 x 150 cm Bewegungsfläche. (Quelle: TÜV SÜD)

Häufig auch werden die 150 x 150 cm Bewegungsflächen für die Türen übersehen (siehe Abb. „Bewegungsfläche“). Der Flur wird mit den zulässigen 120 cm Breite (auf 15 m beschränkt) geplant und ausgeführt (siehe Abb. „Planung“). Sind die Türen in Verlängerung der Flure, lässt sich das normative Schutzziel hier zumeist durch Automatiktüren erreichen. Bei senkrecht abgehenden Türen ist auch diese Möglichkeit in der Regel nicht mehr gegeben. Dann gilt es im Gebäude z. B. andere Wohnungen zu finden, welche die Barrierefreiheit nach jeweiliger Bauordnung erfüllen und damit die vorgesehene Mindestzahl an barrierefreien Wohnungen.

Übersehen wird vielfach auch der erforderliche 50 cm Mindestabstand zwischen Türbedienung (oder z. B. Klingelanlage oder Briefkastenanlage) und begrenzendem Bauteil. Sofern die Nutzung des Schließzylinders nicht zu berücksichtigen ist, lässt sich das mitunter durch gekröpfte Knaufe oder senkrechte Drückerstangen lösen. Muss der Schließzylinder jedoch bedient werden, greifen viele sofort zu Automatiktüren. Diese sind allerdings kostenintensiv und zudem regelmäßig zu prüfen sind. Eine einfache Alternative dazu sind zumindest bei Hauseingängen automatische Türöffner.

Alternative automatische Türöffner

Bei üblichen Türöffnern bzw. Gegensprechanlagen lässt sich die Öffnungsdauer regeln. Beim Verlassen der Wohnung hält er die Haustüre die eingestellte Zeit offen. Dies ist sowohl bei baurechtlich barrierefreien als auch den restlichen Wohnungen möglich und bedarfsgerecht einstellbar. Im Beispielfall von TÜV SÜD handelt es sich um eine Anlage von 16 Wohneinheiten. Beim Verlassen der Wohnung müsste man merken, wenn jemand Unbefugtes das Gebäude betreten hätte. Zu empfehlen ist diese Lösung, wenn sich die barrierefreien Wohnungen alle im Erdgeschoss befinden. Für große Wohnanlagen, bei denen die Öffnungszeitdauer über Gebühr betragen würde, ist dies aus subjektivem Sicherheitsempfinden sicher nicht immer möglich.

Oft kommt es vor, dass z. B. Treppenaugen mit den zugehörigen Geländern o. Ä. in die Bewegungsflächen von Haus- oder Wohnungseingangstüren hineinragen, so dass die 150 x 150 cm Bewegungsfläche nicht mehr eingehalten ist. Unter Berücksichtigung der Bewegungsabläufe von Rollstuhlnutzern und eventuell vorhandener Ausgleichsflächen lässt sich mitunter im Einzelfall trotzdem eine Lösung finden, die das normative Schutzziel einer barrierefreien Türbedienung gewährleistet.

Wann Schwellen als barrierefrei gelten

Schwelle: Wenn eine Schwelle bis 2 cm hoch ist und sie „technisch unabdingbar“ ist, kann diese noch normkonform sein. Die 2,5 cm im Bild sind es nicht mehr. (Quelle: TÜV-SÜD)

Besonders ausführlich wird in der Praxis diskutiert: Wie hoch darf eine Schwelle sein, damit sie noch als barrierefrei gilt? Die Norm geht zunächst einzig von einer Nullschwelle aus. Eine bis 2 cm hohe Schwelle ist normativ nur dann noch barrierefrei, wenn sie „technisch unabdingbar“ ist. Im Neubau ist diese technische Unabdingbarkeit selten. Die Oberste Baubehörde in Baden-Württemberg definiert die technische Unabdingbarkeit dahingehend, dass jedes einzelne Mal überprüft werden muss, ob nicht doch eine technische (oder planerische) Lösung vorhanden ist. Die alleinige Behauptung reicht nicht aus.

Eine Nachfrage [2] beim Normenausschuss ergab, dass die technische Unabdingbarkeit Sachverständige beurteilen sollen – einzelfallbezogen unter den vorhandenen Randbedingungen. Häufig angeführte Begründungen, dass eine Schwelle auf Grund der derzeit vorhandenen Abdichtungsnormen und -regelwerke erforderlich wäre, lässt sich in vielen Fällen widerlegen. Oft finden sich Schwellen nämlich nicht mehr von außen nach innen, sondern umgekehrt. Grund ist, dass regelmäßig Türen mit Anschlag bestellt werden. Damit ist eine Schwelle zwingend vorhanden, aber sicher nicht unabdingbar. Für Rollstuhlfahrer sind Obentürschließer mit 2 cm-Schwelle regelmäßig als Barriere anzusehen.

Fazit

In der Praxis gibt es noch viel zu verbessern, um Barrierefreiheit so umzusetzen, dass sie rechtskonform, für die Betroffenen sinnvoll nutzbar sowie zugleich wirtschaftlich ist. Vielfach existieren Alternativen, um die Schutzziele bei Abweichungen zu erreichen. Dies geschieht dann zwar auf anderem Weg als in der DIN 18040, aber dennoch in deren Sinne. TÜV SÜD-Sachverständige unterstützen Bauherren, Planer aber auch Bauunternehmen in allen Projektphasen.

Autor: Klaus Helzel arbeitet seit 2008 bei TÜV SÜD Industrie Service und ist dort Fachgruppenleiter für Barrierefreiheit. Seit 2017 ist er zudem Mitglied im Normenausschuss zur DIN 18040.

www.tuev-sued.de/is 


[1] Ausnahme seit 01.01.2020: Berlin hat die Einführung von Teil 2 für den Wohnungsbau zurückgezogen und dafür eine eigene Verwaltungsvorschrift zur Barrierefreiheit veröffentlicht.

[2] Siehe „Behinderte Menschen“, Ausgabe 4/5/2013.