Page 9

barrierefrei-planen-bauen-1-2017

AKTUELLES & TRENDS ein Klappspiegel vorhanden sein. Dabei sind auch andere Lösungen denkbar, beispielweise ein ausreichend hoher Spiegel, der unmittelbar über dem Waschtisch beginnt. Durch die Schutzziele ergibt sich eine neue Betrachtungsweise, die noch ungewohnt ist. Es ist eben nicht starr vorgegeben, wie das Schutzziel erreicht werden muss – und je nach Funktion und Nutzergruppe kommen auch unterschiedliche Lösungen und Varianten infrage. Dieses Potenzial wird in der Praxis noch viel zu wenig genutzt. Es kursiert eine Vielzahl von Begriffen: behindertengerecht, rollstuhlgeeignet, barrierearm, seniorengerecht … Sind diese Begriffe genau definiert? Nadine Metlitzky: Bauordnungsrechtlich ist nur der Begriff barrierefrei definiert. Das ist der Mindeststandard. Unklarer wird es, wenn wir in die bautechnischen Verordnungen schauen, z. B. in die DIN 18040, in der dann der Begriff Schutzziel auftaucht und entsprechende Abwägungen zu treffen sind. Barrierefreiheit ist eben nicht immer gleich Barrierefreiheit. Behindertengerecht kommt aus dem Individualbau. Wenn wir also etwas speziell für eine Person bauen, dann kann das behindertengerecht sein. Schwierig wird es bei nicht definierten Kunstbegriffen wie seniorengerecht oder barrierereduziert. Hier mischt sich Umgangssprache mit Fachbegriffen und da bewegen wir uns auf ganz dünnem Eis. Stephanie Hess: Ich möchte trotzdem eine Lanze brechen für das Wort barrierereduziert. Ich verwende das gerne bei Nachrüstungen. Denn im Bestand kann man aufgrund der vorhandenen Gegebenheiten nur in seltenen Fällen eine vollständige Barrierefreiheit herstellen. Dann spreche ich von Barrierereduzierung und signalisiere so dem Bauherrn, dass es sich um Maßnahmen zum Barriereabbau handelt. Dem unbedingt folgen muss dann eine genaue Beschreibung, was damit konkret gemeint ist und wie diese Barrierereduzierung im Einzelnen erreicht wird. Sind diese maßgeschneiderten Lösungen im Bestand dann auch ohne Probleme genehmigungsfähig? Stephanie Hess: Ja. Ich muss unterscheiden, ob ich beispielsweise aufgrund einer Nutzungsänderung eine Genehmigungsfähigkeit erzielen muss. Dann habe ich andere rechtliche Voraussetzungen, als wenn ich Barrierefreiheit unabhängig vom Genehmigungsverfahren auf freiwilliger Basis nachrüste. Im Genehmigungsverfahren arbeite ich mit Abweichungen, zeige Kompensationsmaßnahmen und alternative Lösungen auf, um unterm Strich das Schutzziel zu erreichen. Da sollte man als Planer nicht den Mut verlieren. Auch wenn eine Situation im Bestand nicht normgerecht barrierefrei zu lösen ist, heißt das nicht, dass sie nicht dennoch von Personen mit Einschränkungen genutzt werden kann. Vielleicht nicht von allen, aber von vielen. Wenn im Bestand eine 6-%-Rampe nicht möglich ist, dann versuche ich eben 8 % hinzukriegen. Wie hat Michael Müller auf UNSERE GESPRÄCHSPARTNERINNEN Dipl.-Ing. (FH) Stephanie Hess › Architektin › DIN-Geprüfte Fachplanerin für Barrierefreies Bauen › Vorsitzende im VDI-Fachausschuss Barrierefreiheit › Fachbereichsleiterin Barrierefreies Planen und Bauen bei Kempen Krause Ingenieure › Fachbuchautorin Barrierefrei-Konzept Barrierefrei-Konzept Praxisleitfaden zum Nachweis der Barrierefreiheit im Neubau und Bestand Von Dipl.-Ing. (FH) Stephanie Hess, Dipl.-Ing. Thomas Kempen und Dr. Hans-Jürgen Krause. ISBN 978-3-481-03532-7 › Das Handbuch erläutert Inhalte und Anforderungen an Konzepte und Nachweise zur Barrierefreiheit. › Mit Schritt-für-Schritt-Anleitung, praktischen Symbolen, Planzeichen und Arbeitshilfen. Dipl.-Ing. (FH) Nadine Metlitzky › Architektin › ö. b. u. v. Sachverständige für Barrierefreies Bauen (IHK Erfurt) › Sachverständige für Immobilienbewertung › Gründerin Factus 2 Institut für Barrierefreies Bauen › Mitglied im VDI-Fachausschuss Barrierefreiheit › Autorin diverser Fachbücher › Herausgeberin Atlas Barrierefrei Bauen Atlas Barrierefrei Bauen Von Dipl.-Ing. (FH) Nadine Metlitzky und Dipl.-Ing. (FH) Lutz Engelhardt (Hrsg.). Mit über 25 Fachautoren. ISBN 978-3-481-03565-5 › Der neue Atlas zeigt, wie barrierefreie Lösungen sicher geplant, wirtschaftlich umgesetzt und harmonisch ins Gesamtkonzept integriert werden. › Der sichere Kompass von der Planung bis zur Abnahme. 1.2017 BARRIEREFREI planen & bauen 9


barrierefrei-planen-bauen-1-2017
To see the actual publication please follow the link above