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AKTUELLES & TRENDS Nadine Metlitzky: Die Forderung nach Barrierefreiheit ist politisch, gesellschaftlich und sozialgesetzlich verankert. Wir müssen uns um alle Menschen kümmern. Langstock hilfreich sind, bedeuten oft einen Nachteil für mobilitätseingeschränkte Personen. Hier haben wir es mit einem klassischen Schutzzielkonflikt zu tun. Manchmal ist es aber möglich, diese unterschiedlichen Schutzziele gegeneinander abzuwägen. Ein Beispiel: In der gerontologischen Station eines Krankenhauses haben wir es mit einer besonders schutzbedürftigen Personengruppe zu tun, eben mit älteren, oft hochaltrigen Menschen. Sie sind womöglich mobilitätseingeschränkt, haben einen schleppenden Schritt oder können sich nur mit Hilfsmitteln bewegen. Der Einbau eines bodengebundenen Leitsystems zur taktilen Erfassbarkeit wäre daher nicht angebracht. Hier stehen die Patienten im Vordergrund und man wird für ebene Bodenbeläge ohne Niveauunterschiede sorgen. Im öffentlichen Bereich dagegen wollen wir möglichst für alle Personen bauen. Neben den Bodenindikatoren gibt es aber auch andere Möglichkeiten, z. B., indem man die Raumkanten konsequent nutzt oder Möblierungszonen von Verkehrszonen trennt. Auch unterschiedliche Bodenbeläge können zum taktilen Erkennen dieser Zonen beitragen. Alternativ können Leitsysteme auch an der Wand angeordnet werden. Das setzt aber voraus, dass ich mich frühzeitig mit dem Thema Leiten und Orientieren auseinandersetze und gewohnte Planungsabläufe verlasse, um eine gute Lösung zu finden. Über das richtige Maß an Barrierefreiheit wird bei öffentlichen Projekten zwischen Bauherren, Planern und Behindertenbeauftragten oft heftig gestritten. Warum? Nadine Metlitzky: Als Ingenieure sind wir darauf trainiert, dass wir eine Bauvorschrift haben, diese erfüllen und damit alles rich- Bauherren, die einzelnen Fachplaner, die Bauaufsicht als genehmigende Instanz. Alle verfolgen unterschiedliche Ziele: der Bauherr die Wirtschaftlichkeit des Projektes. Der Planer die Gestaltung, die Ästhetik in Einklang mit der Funktion. Die Bauaufsicht die Einhaltung der baurechtlichen Anforderungen. Und die Behindertenverbände möchten ihre Interessen umgesetzt wissen. Manch einer schießt da schon mal über das Ziel hinaus. Meine Aufgabe als Fachplanerin ist es, zwischen diesen Polen einen Kompromiss zu finden. Wie bewerten Sie den Aufwand im Vergleich zu Gebäuden ohne besondere Anforderungen an die Barrierefreiheit? Stephanie Hess: Das barrierefreie Bauen erfordert eine besondere Art der Abstimmung, auch weil es manchmal sehr emotional wird. Gegenüber Behindertenverbänden kann man nicht nur auf der technischen Ebene argumentieren. Dann rücken auch andere Aspekte in den Vordergrund. Unsere Verantwortung als Architekten liegt darin, nicht nur Funktion, Kosten, Vermietbarkeit oder Bauzeiten im Blick zu haben, sondern auch soziale und gesellschaftliche Aspekte. Das ist Herausforderung und Chance zugleich. Wie unterscheidet sich ein Schutzziel von einer konkreten Anforderung, z. B. in Form von Mindestmaßen? Nadine Metlitzky: Ein Schutzziel ist eine funktionale Beschreibung. Ein Beispiel aus der aktuellen DIN 18040 ist: Über dem Waschtisch muss ein Spiegel vorhanden sein, den man im Sitzen und Stehen einsehen kann. Das ist die Aufgabe, die es zu lösen gilt. Die alte Norm enthielt dagegen eine starre Vorgabe: Über dem Waschtisch muss Stephanie Hess: Barrierefreiheit kann man als Architekt nicht mal eben nebenbei planen. tig machen. So einfach funktioniert es beim barrierefreien Bauen jedoch nicht, denn jedes Gebäude ist anders. Und auch wenn einzelne konstruktive Lösungen sich wiederholen, ist das Zusammenspiel der Maßnahmen je nach Funktionskontext ein anderer. Barrierefreies Bauen im Sinne der verschiedenen Verordnungen verlangt unterschiedliche Bewertungen und Maßstäbe. Es ist ungewohnt, dass man eine Angemessenheitsentscheidung treffen und diese bei jedem Projekt überdenken muss. Das ist vergleichbar mit dem Brandschutz. Dort gibt es ebenfalls die Schutzzielorientierung im Regelwerk, die nicht vorgibt, auf welchem Weg die Schutzziele erreicht werden müssen, sondern besagt, dass Maßnahmen der Gesamtsituation und der Gebäudefunktion entsprechend zu planen sind. Stephanie Hess: Barrierefreiheit kann man als Architekt nicht mal eben nebenbei planen. Es ist oft ein langer Abstimmungsprozess, an dem nicht nur bauerfahrene Personen, sondern häufig auch Baulaien beteiligt sind, gerade wenn wir an die Behindertenbeauftragten denken. Dazu kommen die 8 BARRIEREFREI planen & bauen 1.2017


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