Kontraste geben Orientierung

Aufschrift "Treppe" in weiß auf grünem Hintergrund
Gute und klare Lesbarkeit von Textelementen und ein ansprechendes Design sind kein Widerspruch. (Foto: Brillux)

Die kontrastreiche Gestaltung unserer gebauten Umwelt stellt für Sehbehinderte eine grundlegende Verbesserung der visuellen Orientierung und damit Selbstständigkeit dar. Für alle anderen Nutzer ist sie ein Komfort- und Sicherheitsgewinn.

In der Normung zum barrierefreien Bauen wird zwischen zwei verschiedenen Kontrastanforderungen unterschieden. Für die Gefahrenkennzeichnungen wie beispielsweise Absperrungen, Gefahrenstellen oder Stufen im Außenbereich sind starke visuelle Kontraste mit einem Leuchtdichtekontrast von  0,7 und einem Reflexionsgrad  0,5 der helleren Fläche gefordert. Bei schriftlichen Informationen in Schwarz-Weiß- Darstellungen muss der Kontrastwert sogar  0,8 sein. Etwas weniger kontraststark dürfen hingegen die Kennzeichnungen von Bedienelementen an Orientierungsund Leitsystemen, also etwa Boden- und Stufenmarkierungen, transparente Glaswände oder Ganzglastüren sein. Hier genügt ein Kontrast von  0,4 sowie ein Reflexionsgrad von  0,5 für die hellere kontrastgebende Fläche. Um diesen Kontrast zwischen zwei verschiedenen Materialien, Flächen oder Farben zu bestimmen, gibt es unterschiedliche messtechnische und rechnerische Methoden. Die bekanntesten Messverfahren werden mithilfe von Farbanalysegeräten, Spezialkameras wie Leuchtdichtekameras, Spiegelreflexkameras (Methode Joos) und Luxmetern mit Vorsatz durchgeführt. Dabei wird das zu beurteilende Material direkt am eingebauten Ort oder auch unter bestimmten Beleuchtungszuständen im Labor lichttechnisch vermessen.
Diese Methoden sind allerdings aufwendig und teuer. Weniger aufwendig ist es, Näherungswerte aus Farbtafeln abzulesen und diese in einem mathematischen Berechnungsmodell anzuwenden. Eine einfache
und schnelle Berechnungsmethode ist die Ermittlung mittels der Michelson-Formel. Dabei wird die Differenz der Leuchtdichten des zu beurteilenden Objekts (z. B. die Beschriftung auf einem Schild) und der Leuchtdichte des Umfeldes (z. B. das Trägermaterial der Beschriftung) durch die Summe beider dividiert. Daraus entsteht ein Wert zwischen –1 und +1. Ein positives Rechenergebnis ergibt sich, wenn ein helles Objekt vor einem dunklen Hintergrund platziert ist, hier spricht man von einem Positivkontrast. Umgekehrt ergibt ein dunkles Objekt vor einem hellen Hintergrund ein negatives Ergebnis (Negativkontrast).

Die Michelson-Formel

K= (Lo–Lu)/(Lo+Lu) › K = Kontrast, LO Leuchtdichte des Sehobjekts, Lu Leuchtdichte des Umfelds › + 1 = Positivkontrast (Objekt heller als der dunklere Hintergrund) › – 1 = Negativkontrast (Objekt dunkler als der hellere Hintergrund)

Funktionieren Messungen mit Kontraste-Apps?

Screenshots einer Mess-App für Kontraste
Handy-Apps, wie z. B. die französische App Contrast, liefern zwar keine belastbaren Messwerte, helfen aber bei einer ersten Einschätzung vor Ort. (Fotos: Nadine Metlitzky)

Seit einiger Zeit sind Apps auf dem Markt, die einen Kontrast – oder zu mindest Helligkeitsunterschied – per Handykamera bestimmen. Dabei wird ein Foto von der zu bewertenden Situation aufgenommen. Im Anschluss können im Bild zwei Punkte bestimmt werden, für welche die App einen Helligkeits unterschied in Prozent ermittelt. Diese einfache „Vor-Ort“-Methode bietet nur einen Näherungs wert, da die Smartphone Kamera weder kalibriert ist noch die tatsächliche Beleuchtung Berücksichtigung findet. Häufig genügt diese Methode jedoch für eine erste Einschätzung vor Ort, um lediglich einen ungefähren Wert zu ermitteln. Aber Achtung: Gerichtsfeste Messwerte sind nur mittels Laborprüfung oder kalibrierter Mess technik möglich. Solche Aufgaben übernehmen vorrangig Sachverständige oder Prüflabore.

Autorin: Dipl.-Ing. (FH) Nadine Metlitzky

Sie lesen einen Auzug aus dem Themenheft „Barrierefrei planen & bauen“

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